Geschichte linker Politik in Deutschland jenseits von Sozialdemokratie und Parteikommunismus

Geschichte linker Politik in Deutschland jenseits von Sozialdemokratie und Parteikommunismus

An diesem Promotionskolleg der Rosa-Luxemburg-Stiftung ist neben dem ISB das Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam beteiligt.

Die Geschichte der Arbeiterbewegung und anderer sozialer Bewegungen in Europa war zur Zeit des Kalten Krieges Kampfplatz für Legitimationsdiskurse zwischen Sozialstaat und Staatssozialismus, die bis heute in die Historiographie eingeschrieben sind. Insbesondere in den beiden deutschen Staaten entstanden unter Rückgriff auf Vorläufer aus der Weimarer Republik sozialdemokratische und kommunistische Meistererzählungen, die sich spiegelbildlich gegenüberstanden, untereinander ausschlossen und letztlich unverbunden nebeneinander existierten. Doch an den Rändern dieser "parteilichen" Diskurse gab es im "kurzen 20. Jahrhundert" von 1917 bis 1989 immer wieder Versuche, die Gräben zwischen den Traditionen zu überwinden oder ganz neue Wege einzuschlagen.
Diese Bewegungen jenseits von Sozialdemokratie und Kommunismus umfassten mehrere Generationen, jeder Neuanfang war verbunden mit Abgrenzungen oder kritischer Bezugnahme auf die überkommenen Traditionen. Beispiele sind der Syndikalismus der Zwischenkriegszeit, die bundesdeutsche "Neue Linke" mit ihren zwei Generationen vor und nach 1968, linkssozialistische Strömungen in den Gewerkschaften des DGB oder dissidente Marxisten in der DDR.
Das Kolleg und seine Forschungsprojekte widmen sich diesen Bewegungen; im Rahmen von Vergleichsstudien zu sozialen Bewegungen in den USA und Gro├čbritannien wird gefragt, welche Diskurse, Organisationsformen, Themen und Praktiken es jenseits von Sozialdemokratie und Kommunismus gab. Welche Akteure sind in diesen Organisationen und Kampagnen aktiv gewesen? Welche historischen Vorläufer greifen diese Akteure auf, in welcher Kontinuität sehen sie sich und wie verarbeiten sie historische Brüche und Generationenkonflikte?
Linke Politik jenseits von Sozialdemokratie und Parteikommunismus war sowohl in ihrer Zeit als auch in der Geschichtsschreibung von Marginalisierung bedroht, als Forschungsgegenstand hat sie das Potential zur Hinterfragung überkommener Narrative zur deutsch-deutschen Geschichte und bietet Anlass für kontroverse Gegenwartsdeutungen.

Das Kolleg

Leiter des Kollegs sind Prof. Dr. Mario Kessler (Universität Potsdam) und Prof. Dr. Stefan Berger (Universität Bochum). Das Promotionskolleg besteht bis März 2018. Ihm sind derzeit drei Promotionen und eine Habilitation zugeordnet.
 

Die Stipendiatinnen und Stipendiaten mit ihren Themen:

Jule Ehms (Ruhr-Universität Bochum): Die FAUD und der Versuch syndikalistischer Betriebsarbeit in der Weimarer Republik

Sarah Langwald (Ruhr-Universität Bochum): Proteste gegen staatliche Repression und Überwachung in Westdeutschland 1949-1968

Dr. Ralf Hoffrogge (Ruhr-Universität Bochum): Arbeit in der Krise - Gewerkschaftliche Krisendeutungen und Krisenpolitik in Deutschland und Großbritannien (Habilitationsprojekt)

Richard Stoenescu  (TU Dresden/Universität Potsdam): Syndikalismus zwischen den Weltkriegen: Deutschland und die USA im Vergleich

David Bebnowski (Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam): Die Neue Linke und die Theorie – Anziehungskraft und Niedergang politischer Ideen im Spiegel der Zeitschriften PROKLA und DAS ARGUMENT